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Markt24. September 2026

Humanoide Roboter in Europa und der Schweiz: 7000 verkaufte Einheiten und sehr viel Zurückhaltung

Weltweit wurden 2025 rund 7000 humanoide Roboter verkauft, gegenüber 542'000 Industrierobotern. Europa taucht in der Statistik nicht als eigene Grösse auf. Wer in der Schweiz heute kauft, mietet lieber, und die Prognosen für 2035 liegen um den Faktor vierzehn auseinander.

Humanoide Roboter in Europa und der Schweiz: 7000 verkaufte Einheiten und sehr viel ZurückhaltungSymbolbild · KI-generiert

Die International Federation of Robotics hat diese Woche ihre Jahreserhebung vorgelegt, und darin steht eine Zahl, die den ganzen Hype relativiert: Weltweit wurden 2025 rund 7000 humanoide Roboter verkauft, für industrielle und professionelle Anwendungen. Im selben Zeitraum gingen etwa 542'000 klassische Industrieroboter und 199'000 professionelle Serviceroboter über den Tisch. Faktor 77.

Europa kommt in dieser Statistik nicht als eigene Grösse vor, weil die Mengen zu klein sind. Die Schweiz auch nicht. Was es hierzulande gibt, sind einzelne, gut dokumentierte Entscheide: vier Transportroboter fürs Stadtspital Zürich ab 2027, ein Lieferroboter im Feldtest bei Post und Migros, ein Pflegeroboter in einer Thurgauer Rehaklinik. Kein einziger davon ist ein Humanoid.

Wer heute in Europa Humanoide baut, lässt sich an zwei Händen abzählen, und das Geld ist trotzdem da. Neura Robotics aus Metzingen sammelte im Juni bis zu 1,4 Milliarden Dollar ein, bei einer Bewertung um sieben Milliarden, und hat die gesamte Entwicklung des Modells 4NE1 im Dezember nach Zürich ins Seefeld verlegt. Rund 1400 Leute arbeiten für die Firma, die Fertigung bleibt in Deutschland. Das britische Humanoid holte im Juli 152 Millionen Dollar bei 1,35 Milliarden Bewertung. Die französische Wandercraft, bisher für Exoskelette bekannt, hat mit Renault einen Vertrag über 350 Einheiten ihres kopflosen Calvin-40 bis 2027 und zählt zwölf unterzeichnete Kunden. Und Hexagon, mit Hauptsitz in Zürich, hat im April mit Schaeffler vereinbart, mindestens 1000 AEON-Humanoide bis 2032 in dessen Werke zu stellen. Die erste produktive Anwendung, automatisierte Teileprüfung, soll Ende dieses Jahres anlaufen. Dass Calvin-40 keinen Kopf hat und AEON auf Rädern fährt, ändert an der Einordnung nichts: Die IFR zählt als Humanoid, was menschenähnlich gebaut ist und in einer für Menschen gemachten Umgebung selbstständig arbeitet. Beine verlangt sie nicht.

Das sind die grossen Namen. Dahinter reiht sich ein zweites Feld: Agile Robots aus München mit rund 3200 Beschäftigten, Oversonic und Generative Bionics aus Italien, PAL Robotics aus Barcelona, das seit über zwanzig Jahren Forschungsplattformen verkauft, das norwegische 1X, das seinen Haushaltsroboter Neo für 20'000 Dollar oder 499 Dollar im Monat anbietet und die Produktion inzwischen weitgehend in die USA verlagert hat. Nach Erhebung von Dealroom flossen 2026 bisher 8,7 Milliarden Dollar in Humanoiden-Startups, weltweit, doppelt so viel wie im ganzen Vorjahr. Vom gesamten Robotik-Risikokapital landen nach einer Branchenauswertung rund 14 Prozent in Europa, 52 Prozent in den USA, 28 Prozent in China.

Die Schweizer Seite sieht anders aus, als man erwarten würde. Gebaut werden hier keine Humanoiden, sondern Spezialisten. ANYbotics in Zürich hat über 200 seiner vierbeinigen Inspektionsroboter ausgeliefert und mehr als 127 Millionen Euro eingesammelt, die Kundenliste liest sich aber wie ein Verzeichnis ausländischer Energiekonzerne: bp, Equinor, Eni, Petrobras, Siemens Energy. Mimic Robotics, ETH-Spinoff mit 25 Leuten, baut Roboterhände und die Modelle dazu und schloss im November eine Seed-Runde über 16 Millionen Dollar ab. RIVR, früher Swiss-Mile, wurde im März von Amazon übernommen. Das Muster ist deutlich: Die Schweiz produziert Technologie und verkauft sie ins Ausland, oder gleich die ganze Firma.

Wer hier kauft, kauft klein und rechnet scharf. Das Stadtspital Zürich hat nach einem Pilotversuch seit 2023 im Juni entschieden, vier autonome Transportroboter fest einzuführen, Betrieb ab 2027, für 303'000 Franken im Jahr. Bezeichnend ist die Vertragsform: gemietet, nicht gekauft, ausdrücklich um technologisch beweglich zu bleiben. Post und Migros Online liessen bis September 2025 in Regensdorf einen RIVR-Roboter Lebensmittel ausfahren, bis 60 Kilo, treppengängig; über eine Ausrollung ist bis heute nichts entschieden. Die Rehaklinik Zihlschlacht setzt seit Jahren die Pflegeroboter Lio und Lia von F&P Robotics ein, Starterkit 140'000 Franken. Und in der Milchwirtschaft, wo die Rechnung seit Jahrzehnten aufgeht, stehen inzwischen rund 3000 Melkroboter.

Die Schweiz automatisiert seit Jahren, aber in klassischer Form. 2024 wurden hierzulande 1479 Industrieroboter neu installiert, ein Drittel weniger als im Vorjahr.
Die Schweiz automatisiert seit Jahren, aber in klassischer Form. 2024 wurden hierzulande 1479 Industrieroboter neu installiert, ein Drittel weniger als im Vorjahr.

Die Zurückhaltung hat handfeste Gründe, und der erste ist juristisch. Ab dem 20. Januar 2027 gilt die EU-Maschinenverordnung verbindlich, und sie erfasst erstmals sicherheitsrelevante Software als eigenen Prüfgegenstand. Nur existiert für einen laufenden Roboter bis heute keine anwendbare Sicherheitsnorm. Die überarbeitete ISO 10218 von 2025 setzt ausdrücklich eine Maschine voraus, die nicht umkippen kann. Die Norm, die genau das regeln soll, ISO 25785-1, ist ein Committee Draft; die Kommentierungsfrist lief im Juli ab, mit einer Publikation ist frühestens 2027 zu rechnen. Die Hochrisiko-Pflichten des AI Act für maschinenintegrierte KI wurden im Mai auf August 2028 verschoben. Ein Schweizer oder deutscher Einkäufer, der 2027 bestellt, beschafft also in ein Regelwerk hinein, das erst danach fertig wird. Dass RIVR seine Testroboter 2025 in Zürich stoppen musste, weil die Behörden sie als Strassenfahrzeuge einstuften, ist die Schweizer Variante desselben Problems.

Der zweite Grund ist, dass die Betriebsdaten fehlen. Das am besten dokumentierte Pilotprojekt der Welt, Figure bei BMW in Spartanburg, brachte es in elf Monaten auf rund 1250 Betriebsstunden. Das sind keine sechs Stunden pro Arbeitstag. Agility kommt bei GXO auf über 65'000 Betriebsstunden verteilt auf neun Standorte und nennt 98 Prozent Genauigkeit, was ordentlich ist, aber eben auch bedeutet, dass bei jedem fünfzigsten Griff jemand hinschauen muss. Einen MTBF-Wert, die übliche Kennzahl für Ausfallabstände, veröffentlicht kein einziger Hersteller. Wer eine Investition über fünf Jahre rechtfertigen muss, bekommt die Zahlen dafür schlicht nicht. Dazu passt der Blick in die Bücher: Agility Robotics wies für 2025 einen Umsatz von 1,8 Millionen Dollar aus, bei 140 Millionen operativem Verlust, und der viel zitierte Auftragsbestand über 300 Millionen stammt von einem einzigen Kunden.

Bleibt die Frage, wann es kippt. Die ehrliche Antwort lautet, dass niemand es weiss, und die Prognosen sagen mehr über ihre Verfasser aus als über den Markt.

Für 2035 liegen zwei im selben Jahr veröffentlichte Prognosen um den Faktor vierzehn auseinander. Goldman Sachs hat die eigene Schätzung für dieses Jahr innerhalb von zweieinhalb Jahren mehr als vervierfacht.
Für 2035 liegen zwei im selben Jahr veröffentlichte Prognosen um den Faktor vierzehn auseinander. Goldman Sachs hat die eigene Schätzung für dieses Jahr innerhalb von zweieinhalb Jahren mehr als vervierfacht.

Bank of America datiert den Beginn der Massenadoption auf 2028 und begründet das mit der Demografie: Man brauche keinen perfekten Roboter, sondern einen, der erscheint, nicht kündigt und weniger kostet. Interact Analysis nennt 2032 und knüpft es an vier Bedingungen, darunter ausdrücklich klarere Regulierung und brauchbare Wirkungsgrade. Morgan Stanley rechnet mit langsamer Verbreitung bis Mitte der 2030er Jahre und einer Beschleunigung erst danach. Zwischen diesen drei Häusern liegen vier bis zwölf Jahre. Etwas fester ist die Preisspur: IDTechEx erwartet einen Rückgang des Durchschnittspreises von rund 114'700 Dollar im Jahr 2024 auf etwa 37'000 bis 2030 und rechnet vor, dass sich eine Anschaffung bei hoher Auslastung heute schon in sechs Monaten amortisieren kann, bei mittlerer in fünfzehn. Die entscheidende Grösse ist dabei nicht der Kaufpreis, sondern die Auslastung, und genau die kann ein Betrieb vorher nicht seriös schätzen.

Für Schweizer Unternehmen folgt daraus etwas Unbequemes. In sämtlichen grossen Prognosen taucht Europa als Nachfragemarkt nicht eigenständig auf; Interact Analysis sieht für 2035 über 65 Prozent der real eingesetzten Einheiten in China, die USA klar dahinter. Wer wartet, bis die Norm da ist und die Betriebsdaten öffentlich sind, kauft irgendwann eine ausgereifte Maschine, hat dann aber weder Erfahrung noch Verhandlungsposition. Wer jetzt kauft, zahlt Lehrgeld für eine Technik, deren Zulassungsrahmen noch nicht steht. Die mittlere Variante, die in Zürich gerade mehrere Betriebe fahren, ist die mit Abstand vernünftigste: ein Gerät mieten, ein Jahr messen, selbst Zahlen erzeugen, die sonst niemand herausrückt.

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz erstellt und redaktionell geprüft. Das Beitragsbild ist ein mit KI generiertes Symbolbild und kein Pressefoto.